Start Kultur Einblicke: Lesung mit Gregor Gysi

Einblicke: Lesung mit Gregor Gysi

Der Besuch Gregor Gysis zur Eröffnung des neuen VHS-Semesters im Saarbrücker Stadtteil Dudweiler steht in einer Reihe mit dem Erscheinen anderer, prominenter Gäste wie Pater Anselm oder Günther Maria Halmer, der im vergangenen Jahr seine Autobiographie im örtlichen Bürgerhaus vorstellte. Nein, es sollte keine Wahlkampfveranstaltung werden, auch wenn Gysi natürlich immer wieder gerne einen kleinen Seitenhieb in Richtung des ein oder anderen politischen Wettbewerbers verteilte. „Ein Leben ist zu wenig“ heißt das Werk, um welches sich das Gespräch mit Hans-Dieter Schütt drehte. Letzterer wäre sicherlich ebenfalls eine Veranstaltung dieses Rahmens würdig gewesen, ist er doch als „brillanter Autor, Feingeist und Scharfmacher“ aus DDR Zeiten ein Begriff. An diesem Abend beschränkte er sich auf das Geben von Stichworten für den großen kleinen Mann der Linken.

Biografisches stand zu Beginn tatsächlich im Mittelpunkt. Gysi erzählte aus seinem Elternhaus. Sein Vater Klaus war Kulturminister der DDR, die Familie pflegte Verbindungen in alle Welt. Gregor Gysis Großmutter lebte in Paris, man erhielt regelmäßig Besuch aus den USA, Großbritannien, Italien, Belgien. Über seine Mutter Irene ist er übrigens auch mit der Nobelpreiträgerin für Literatur, Doris Lessing, verwandt. Sie war in zweiter Ehe mit Gottfried Lessing, Irenes Bruder verheiratet. Dieser Familienzweig entstammte dem Adel und so kam es, dass die Familie sogar ein Kindermädchen für Gregor und seine Schwester beschäftigte. Außer diesen Vorzügen sah Gysi keine Privilegien für sich und seine Familie in der DDR.

Auch die Berufswahl und Tätigkeit als Anwalt versetzte den Berliner nach eigener Darstellung eher an den Rand der Gesellschaft. „Damals gab es in der DDR lediglich 600 Anwälte. Wenn man heute den Ku´damm entlang läuft, wird man alleine dort so viele finden.“ Anwälte, so Gysi, waren nirgendwo gesellschaftlich oder politisch vertreten: “ Es gab sie in keinem Ortsrat, in keinem Kreistag und auch nicht in der Volkskammer!“ Deshalb sei seine Zunft nach der Wende auch in den Vordergrund getreten und habe viel öffentliche Ämter und Positionen übernommen: Sie galten als politisch unvorbelastet.

Interessant wurde es, als Hans-Dieter Schütt die gegenwärtige Schwäche der Linken ansprach, die sich gerade auch wieder in der Bayernwahl gezeigt habe. Gysi gestand dies zu und nannte drei Gründe, warum – aus Sicht der Wähler – linke Parteien, also auch die Grünen und die SPD, gegenwärtig Probleme hätten: Die Linken hätten nie eine glaubwürdige Alternative zum Kapitalismus geschaffen. Ein anderer – aus Gysis Sicht verständlicher – Vorwurf laute: „Ihr seid demokratisch, so lange ihr nicht die Macht innehabt.“ Er verwies auf Venezuela und Guatemala, wo sich links-demokratische Oppositionen nach dem Machterhalt in Despotensysteme verwandelten. Und: Die Linke selbst, in diesem Fall SPD und Grüne, habe die prekären Lebensverhältnisse geschaffen, in dem sie einen Billiglohnsektor und Hartz IV eingeführt hätten.

Mit Markus Söder hat er übrigens eins gemeinsam: Beide wurden von der Aachener Karnevalsgesellschaft mit dem „Orden wider den tierischen Ernst“ ausgezeichnet. Er hielt auch die ein oder andere Laudatio und war deshalb mehrfach zu Gast in Aachen. Als sich Gysi während einer Veranstaltung einmal im Saal so umsah und hörte, wer da alles begrüßt wurde, wurde ihm schwarz vor Augen. Endgültig lachen musste er, als Guido Westerwelle ihn antippte und sagte: „Wenn Sie heute nicht hier wären, wäre ich der linkeste in diesem Raum!“ 

Solche und viele andere Einsichten und Anekdoten Gysis sorgten für einen sehr kurzweiligen Abend, von dem nicht nur das Publikum profitierte: Seine Bücher, die er auch gerne signierte, fanden reissenden Absatz. Ein wenig Kapitalismus scheint also durchaus vorteilhaft zu sein.