Start Friedrichshain-Kreuzberg Verlegung von 17 neuen Stolpersteinen

Verlegung von 17 neuen Stolpersteinen

Symbolfoto

Die Bezirksstadträtin für Finanzen, Umwelt, Kultur und Weiterbildung, Clara Herrmann informiert:

In Friedrichshain-Kreuzberg werden 17 weitere Stolpersteine verlegt.

Wann?

Dienstag, 6. Oktober 2020, ab 12.50 Uhr und Mittwoch, 7. Oktober ab 9 Uhr

Wo?

Yorckstraße 82, 10965 Berlin (Dienstag)

Friedrichstraße 217, 10969 Berlin und weitere Orte (Mittwoch)

Bezirksstadträtin Clara Herrmann zur Bedeutung von Orten der Erinnerung: „Wir haben die Verantwortung, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus Gesicht zu zeigen und für ein vielfältiges und weltoffenes Berlin einzustehen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg leistet mit seiner aktiven Gedenkarbeit einen zentralen Beitrag gegen Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung.“

6. Oktober:

Yorckstraße 82 (12.50 Uhr): Dort lebte bis zu ihrer Deportation nach Kaunas die jüdische Familie Badasch/Katschinsky. Die verwitwete Frida Katschinsky lebte ab 1935 mit ihrer Tochter Henriette in einer 4-Zimmer-Wohnung im Quergebäude, ab 1936 gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn Bernhard Banasch und ihrer Enkeltochter Marion Susanne. Alle vier wurden im November 1941 nach Kaunas deportiert und dort erschossen. Die Verlegung der Stolpersteine wurde von Nachbar*innen angeregt.

7. Oktober:

Friedrichstraße 217 (9 Uhr): Dort lebte bis kurz vor ihrer Deportation die jüdische Geschäftsfrau Else Behrendt. Sie betrieb eine Kürschnerei in der Zimmerstraße 22 zu betreiben. 1933 begann der Betrieb unter dem Boykott jüdischer Geschäfte zu leiden. Im September 1943 wurde Else Behrendt nach Theresienstadt deportiert. Von dort wurde sie am 15. Mai 1944 nach Auschwitz verschleppt, wo sie wahrscheinlich gleich nach der Ankunft ermordet wurde. Die Stolpersteinverlegung wurde von Familienangehörigen initiiert.

Bergfriedstraße 6 (ca. 10.30 Uhr): In der damaligen Fürstenstraße 15 (das Haus existiert nicht mehr) lebte bis zu ihrer Deportation die jüdische Familie Kohn. Das Ehepaar Isidor und Elise Kohn lebte seit 1920 in Berlin. Isidor Kohn betrieb ein Kolonialwarengeschäft in der Wrangelstraße. In den frühen 1930er Jahren zog die Familie in die Fürstenstraße. Mit ihnen lebten ihre Tochter Ilse und ihre Enkeltochter Gisela. Im März 1939 wurde Ilse Kohn von der Gestapo verhaftet und ins KZ Ravens-brück verschleppt. Es gelang der Familie für Ilse eine Einreiseerlaubnis nach England zu beschaffen, sie wurde daraufhin im Juli 1939 aus dem KZ entlassen und wanderte nach England aus. Ihre Tochter Gisela blieb bei den Großeltern. Isidor und Elise Kohn wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und verstarben dort 1943. Nach der Deportation der Großeltern lebte Gisela bei Pflegeeltern, bis sie am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Die
Stolpersteine wurden von Nachbar*innen angeregt.

Eisenbahnstraße 34 (ca. 11.15 Uhr): Dort lebte der jüdische Schneider Philipp Braunhart mit seiner Familie und betriebe eine Maßschneiderei. 1940 musste er nach Boykott und antisemitischen Schmierereien die Schneiderei schließen und die Familie die Wohnung verlassen. Die Familie zog in die Eisenbahnstraße 32. Aufgrund des zunehmenden Drucks sahen sich die evangelische Else und Philipp Braunhart gezwungen, 1942 die Scheidung einzureichen. Sie wollten dadurch auch ihre Kinder davor beschützen, als „Volljuden“ behandelt und deportiert zu werden. Philipp Braunhart wurde im Mai 1942 festgenommen und nach Sachsenhausen verschleppt, wo er kurz darauf ermordet wurde. Die Verlegung des Stolpersteins geht auf die Initiative von Familienangehörigen zurück.

Görlitzer Straße 42 (ca. 12.50 Uhr): Dort lebte in einer Erdgeschosswohnung im Vorderhaus von 1915 bis zu ihrer Deportation die jüdische Familie Heimann. Leopold Heimann führte im Haus eine Papierhandlung. Seine Frau Charlotte und die Töchter Amalie und Toni führten das Geschäft nach seinem Tod 1935 weiter. Doch schon bald mussten sie die Papierhandlung aufgeben und Tochter Toni bei Zeiss Ikon in Zehlendorf, Amalie bei der Firma Pertrix in Niederschöneweide Zwangsarbeit leisten. Charlotte Heimann wurde im August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf ums Leben kam. Ihre Töchter Amalie und Toni wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Initiative für die Verlegung der drei Stolpersteine kam von Nachbar*innen.

Dirschauer Straße 13 (ca. 13.35 Uhr): Dort lebte bis zu ihrer Deportation die jüdische Familie Rosenfeld/Holdstein. Regina Rosenfeld wohnte dort gemeinsam mit ihrer Tochter Ida und deren Ehemann Alfred Holdstein. Alfred Holdstein arbeitete in einem Kaufhaus in Friedenau, das 1939 liquidiert wurde, da der Eigentümer Jude war. Alfred Holdstein musste dann bei einer Tiefbau-Firma Zwangsarbeit leisten. Regina Rosenfeld, Ida und Alfred Holdstein wurden 1941 mit dem ersten Osttransport in das Ghetto Łódź deportiert. Regina Rosenfeld kam im Mai 1942 im Ghetto ums Leben, nur zwei Wochen später starb auch ihre Tochter Ida. Alfred Holdstein wurde von dort im Juli 1944 in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) deportiert und ermordet. Die Verlegung der drei Stolpersteine erfolgt auf Initiative der Nachbar*innen.

Samariterstraße 8 (ca. 14.25 Uhr): Dort lebten bis zu ihrer Deportation die jüdischen Schwestern Sophie Levy und Pauline Scholz in einer 2-Zimmer-Wohnung im Quergebäude. Seit wann die verwitwete Pauline und ihre unverheiratete Schwester Sophie dort zusammen lebten, ist nicht bekannt. Pauline Scholz wurde im Januar 1942 nach Riga deportiert, wo sie ermordet wurde. Sophie Levy wurde im Juni 1942 nach Theresienstadt verschleppt und von dort weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Die Verlegung der beiden Stolpersteine geht auf die Initiative von Nachbar*innen zurück.

Stolpersteine, deren Verlegung von Angehörigen oder Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus initiiert wird, finanziert seit 2017 das Bezirksamt. Dieses Vorgehen hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Beschluss (DS/0417-15/V) bekräftigt.